< PreviousEs ist ein arbeitsintensiver Vormittag. Während die Mann- schaft ihren trainingsfreien Tag genießt, ist Sascha Hildmann am Jahnstadion Regensburg fest eingespannt. Zwischen or- ganisatorischen Themen und der Kaderplanung für die nächs- te Saison empfängt er uns. Der 54-Jährige wirkt fokussiert, aber gleichzeitig tiefenentspannt. Wer mit ihm spricht, spürt sofort: Hier sitzt kein Theoretiker, der sich hinter Phrasen ver- steckt, sondern ein echter Fußball-Arbeiter, der den Sport an der Basis gelernt hat und ihn mit jeder Faser lebt. Jahnzeit: Sascha, am 27. April 2025 endete deine über- aus erfolgreiche, fünfjährige Ära in Münster. Fast genau ein Jahr später sitzt du nun hier in Regensburg im Trainer- büro des SSV Jahn. Wenn du morgens die Kabinentür auf- schließt: Welcher spezifische Moment, welcher Geruch oder welches Geräusch hat dir in den vergangenen elf Mo- naten am meisten gefehlt, um zu wissen: Ich bin wieder voll und ganz in meinem Element? Sascha Hildmann: Es ist dieses unvergleichliche Gefühl, in einer Mannschaft zu leben. Ein aktiver Teil davon zu sein, voranzugehen und die Jungs zu führen. Und dann natürlich dieser Moment, wenn du raus auf den Trainingsplatz oder ins Stadion gehst: Der Rasen, der so ganz speziell riecht. Frisch geschnittenes Gras, gerade wenn es ein bisschen regnet. Dann das Flutlicht, die Atmosphäre, das Stadion, unsere Fans. Das sind die Dinge, die mich sofort wieder total mitgenommen haben. Das macht einfach unglaublich Spaß. Das hat mich direkt wieder infiziert und da habe ich gewusst: So, jetzt bin ich wieder da, wo ich hingehöre. Du hast direkt nach deinen ersten Einheiten betont, dass deine Eindrücke von der Verfassung der Jungs sehr positiv waren und der Fokus zunächst auf dem Kennenlernen lie- ge. Woran machst du fest, dass der Charakter dieser Mann- schaft stimmt? Ich achte in den ersten Tagen sehr auf den Umgang der Jungs untereinander. Ich sehe genau, wie sie miteinander spre- chen. Ich beobachte, wie sie sich im Training freuen, wenn unser Keeper einen Ball stark hält oder wenn ein wichtiger Ball weggegrätscht wird. Ich sehe, wie sie auf dem Rasen für- einander marschieren. All das spricht für sehr viel Mentalität und einen guten Charakter. Daran mache ich das fest. Es gibt im Fußball ja auch Mannschaften, in denen sich Spieler weg- drehen, in denen vielleicht übereinander geredet wird oder abfällige Bemerkungen fallen. Das gibt es hier bei uns über- haupt nicht. Das ist mir positiv aufgefallen und deshalb war ich von unserer Truppe auch ab der ersten Minute überzeugt. Wir steckten bei deiner Ankunft mitten im Liga-Alltag, es ging sofort um elementare Punkte. Wie dosiert man den taktischen Input in so einer Phase? Wie viel Taktiktafel ver- trägt eine Mannschaft am Saisonende? Überfrachten darfst du die Jungs auf keinen Fall. Du kommst ja nicht rein und drehst sofort alles auf links. Im Gegenteil: Du führst gute Abläufe, Prozesse und Automatismen, die die Mannschaft ja schon verinnerlicht hat, gezielt weiter. Aber trotzdem ist es mein Anspruch, dass wir uns auch schon für die Zukunft orientieren. Generell bin ich der festen Überzeugung, dass wir das Spiel mit dem Ball, unser Positionsspiel, täglich im Training erarbeiten müssen. Es geht um klare Prinzipien, Laufwege in der Box, Abläufe in der gegnerischen Hälfte. Mir ist wichtig, dass wir als Team mehr Lösungen im Kopf haben, wenn wir den Ball fordern. Daran arbeiten wir im Detail. Wo siehst du abseits der Lösungen mit dem Ball aktuell noch Luft nach oben, um das vorhandene Potenzial der Jungs noch besser auf den Rasen zu bringen? Wir haben eine sehr junge, ambitionierte Mannschaft. Da ist es völlig normal, dass in der Entwicklung noch Fehler passie- ren. Manchmal agieren wir vielleicht noch einen Tick zu naiv, rennen mit dem Kopf durch die Wand in Situationen hinein. Da müssen wir noch ein bisschen abgeklärter werden. Speziell, was die defensiven Eins-gegen-Eins-Duelle betrifft. Du kannst die beste taktische Struktur haben – am Ende entscheiden die Zweikämpfe und ein sauberes Passspiel sehr viel im Fußball. Wenn du gegen starke Gegner spielst, die viel individuelle Qualität mitbringen, dann musst du diese direkten Duelle für dich entscheiden. Diese Basics, diese absolute Entschlossen- heit am Mann, das rufen wir jeden Tag aufs Neue ab. Der SSV Jahn steht historisch für eine ganz klare DNA: In- tensität, hohes Anlaufen, Widerstandsfähigkeit. Inwiefern deckt sich das mit deiner eigenen sportlichen Philosophie? Zu einhundert Prozent. Sonst hätte dieser Schritt für beide Seiten keinen Sinn gemacht. Dieses laufintensive Spiel, die- ses Mentalitätsspiel – das liegt mir sehr, das ist genau meine Welt des Fußballs. Darauf wollen wir gemeinsam aufbauen. Wir haben im Vorfeld die Philosophien übereinandergelegt und sofort gemerkt: Das passt zusammen. War diese inhaltliche Überschneidung dann auch der Hauptgrund für deine Zusage? Die sportliche Philosophie ist das eine, aber für mich zählte Der SSV Jahn Regensburg hat vor mehr als zehn Jahren eine klare sportliche Identität entwickelt: Mu- tig, aggressiv, lauf- und zweikampfintensiv und von Mentalität geprägt – das sind einige Eigenschaften davon. Es ist ein Fußball der ehrlichen Arbeit. Mit Sascha Hildmann hat der Verein einen Chef-Trainer verpflichtet, dessen persönlicher Wertekompass in diese Richtung zeigt. „Ich will einen mutigen, einen aggressiven und leidenschaftlichen Fußball sehen ” , so Hildmann. Hohes Anlaufen, frühe Ballgewinne und ein kompromissloses Gegenpressing sollen das Fundament bilden, um das Jahnstadion Regensburg bei jedem Heimspiel mit Energie aufzuladen. DIE JAHN-DNA & SASCHA HILDMANNS SPIELIDEE JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026vor allem auch die Perspektive. Was hat man gemeinsam vor? Wo will man hin und wie seriös wird gearbeitet? Ein großer Faustpfand des SSV Jahn ist das ruhige, bodenstän- dige und professionelle Bild, das der Verein nach außen abgibt. Ich kenne aus meiner Vergangenheit auch aktio- nistische Vereine, bei denen immer mehr Hektik herrscht. Diese Wucht und Unruhe hast du hier in Regensburg nicht. Hier arbeiten sachliche, bodenständige und kompetente Leute. Da dringt kaum etwas Unnötiges an die Öffentlich- keit. Das hat mir sehr imponiert. Denn diese Ruhe ist die absolute Basis für langfristigen Erfolg. Dass da keiner di- rekt die Nerven verliert, wenn man mal zwei Spiele nicht gewinnt, sondern dass man von dem, was man tut, zutiefst überzeugt ist. Wenn du auf die mittelfristige Entwicklung der Mannschaft blickst: Welche drei Adjektive sollen den Fußball des SSV Jahn unter deiner Regie definieren? Es gibt so viele Werte, die mir wichtig sind, aber wenn wir es auf drei herunterbrechen müssen: Mut, Zielstrebigkeit und Leidenschaft. Ich fordere einen mutigen, einen aggressiven und einen ehrlichen Fußball. "Ein großer Faustpfand des SSV Jahn ist das ruhige, bodenständi- ge und profes- sionelle Bild, das der Verein nach außen abgibt." 21 JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026Die 3. Liga ist oft ein wilder Schlagabtausch, extrem phy- sisch und geprägt von vielen Umschaltmomenten. Willst du dieses Chaos auf dem Platz durch möglichst viel Ball- besitz beruhigen oder ist es eher deine Philosophie, diese Wildheit kontrolliert für dich zu nutzen? Sowohl als auch. Natürlich strebe ich danach, einen gu- ten und kontrollierten Ballbesitzfußball spielen zu lassen. Aber der Kern ist: Wenn wir den Ball verlieren, will ich ihn schnellstmöglich zurückerobern. Also ein aggressives Ge- genpressing. Ich will, dass wir den Gegner so unter Druck setzen, dass kein ballführender Spieler des Gegners wirk- lich Ruhe am Ball hat. Er soll immer gestresst werden. Das ist natürlich über 90 Minuten kräftezehrend und es gibt Gegner, die dich auch mal überspielen. Aber dann geht es sofort in die Restverteidigung. Fallen in die Organisation, verdichten, und aus dem Block heraus direkt wieder aktiv nach vorne verteidigen. Das bedeutet, du nimmst ein gewisses Risiko in Kauf? Das Risiko hast du immer, wenn du diesen mutigen Fußball spielen lässt. Aber damit kann ich gut leben. Ich stehe lieber an der Seitenlinie und sehe, wie wir ein Spiel mit 4:3 gewin- nen, als ein ermauertes 1:0. Das ist doch auch der Fußball, den die Menschen im Stadion sehen wollen. Ein Chef-Trainer ist heute im modernen Profi fußball oft auch ein Manager. Du hast deinen Co-Trainer Louis Cordes wieder an deiner Seite. Wie sieht die Aufgabenverteilung in eurem Trainerteam aus? Wenn du heute glaubst, du könntest als Chef-Trainer alles al- leine machen, bist du nach mehreren Monaten komplett ver- brannt. Du hast so viele Themen. Louis und ich übernehmen inhaltlich sehr viel, was die taktische Aufstellung und Aus- richtung betriff t. Wir sind seit über fünfeinhalb Jahren ein eingespieltes Team und er entlastet mich immens. Munier kümmert sich intensiv um die Standardsituationen und gibt wahnsinnig viel wertvollen Input aus seiner eigenen Erfah- rung weiter. Oli ist unser Mann für die Videoanalyse, das ist Fleißarbeit ohne Ende. Simon verantwortet den athletischen Bereich und Tschauni macht unsere Keeper fi t. Wir haben ein herausragendes Trainerbüro. Da sitzen hoch motivierte Jungs, die früh da sind und hart arbeiten. Ich vertraue mei- nen Kollegen. An mir als Chef bleibt am Ende die Verantwor- tung kleben, deshalb stimme ich alles ab, aber ich gewähre meinem Team viel Freiraum und Wertschätzung. Wenn Sascha Hildmann über Werte wie Fleiß und Verantwor- tung spricht, wird seine Stimme noch ein Stück energischer. Er verlangt von seinen Spielern keine Wunderdinge, aber die bedingungslose Einhaltung grundlegender Verhaltensregeln. Für ihn beginnt der Erfolg nicht erst bei der Taktikbesprechung, sondern bereits an der Garderobe. Du betonst immer wieder die Eigenmotivation und Einsatz- bereitschaft deiner Mannschaft. Wie zeigt sich das für dich konkret im alltäglichen Umgang am Trainingsgelände? Das beginnt bei Dingen, die für mich Selbstverständlichkei- ten sind: Eine saubere Kabine und bedingungslose Disziplin auf und neben dem Platz. Wer diese Disziplin abseits des Rasens nicht an den Tag legt, wird sie auf dem Spielfeld auch nicht abrufen können. Da stehe ich sehr drauf. Ich beobach- te genau, wie die Kabine aussieht, wenn wir rausgehen und wenn wir wieder hereinkommen. Du hast hier über zwanzig junge Kerle – wenn da jeder seine Sachen einfach fallen lässt, dann funktioniert die Gemeinschaft nicht. Ich verlange die Eigenmotivation, dass man nach dem Training ein Tor ge- meinsam wegträgt, Hütchen und Bälle einsammelt. Das ge- hört zur ehrlichen Arbeit eines Fußballers dazu. Du nutzt da gerne das Bild des Handwerkers, richtig? Genau. Ich habe in meiner eigenen berufl ichen Laufbahn gelernt: Eine Baustelle wird immer sauber hinterlassen. So wie ich sie vorgefunden habe, verlasse ich sie auch wieder. Genau so muss ein Fußballer denken. Seine eigene Baustelle immer sauber und ordentlich verlassen. Das überträgt sich dann auch beispielsweise auf die Sorgfalt im Passspiel. Bei all der Disziplin: Wie wichtig ist es dir, in Einzelgesprächen auch den Menschen hinter dem Spieler kennenzulernen? Das ist essenziell. Ich muss die Jungs abseits der reinen xG- Werte oder Passquoten verstehen. Wenn ich mit einem Spie- ler spreche, will ich wissen: Ist daheim alles in Ordnung? Wenn " Ich stehe lieber an der Seitenlinie und sehe, wie wir ein Spiel mit 4:3 gewinnen, als ein ermauertes 1:0. Das ist doch auch der Fußball, den die Menschen im Stadion sehen wollen." 22 JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026Foto: Köglmeier ein Junge zu uns wechselt, anfangs vielleicht im Hotel wohnt, die Familie noch keine Wohnung hat und Stress aufkommt, wie soll der Junge dann am Wochenende befreit Fußball spielen? Jeder Mensch braucht ein intaktes Umfeld, um maximale Leis- tungen zu bringen. Wenn einer im Training mal abfällt, muss ich wissen, ob er das schleifen lässt oder ob er private Sorgen hat. Deshalb gehe ich immer sehr off en und mit einem Lachen auf die Menschen zu. Ich möchte ein tiefes Vertrauensverhält- nis aufbauen. Die Jungs sollen wissen: Der Trainer ist der Chef, aber ihm kann ich auch mal private Sorgen anvertrauen. Du hast Preußen Münster in einer schwierigen Phase übernommen und aus der Regionalliga einen unglaubli- chen Durchmarsch bis in die 2. Bundesliga hingelegt. Wie schnell vergisst man im Glanz des Erfolgs eigentlich die harten Stunden am Anfang? Ich vergesse das niemals. Man darf niemals vergessen, wo man herkommt. Meine Eltern haben mir Bodenständigkeit und De- mut sehr stark vorgelebt. Als wir damals in der Corona-Zeit ab- steigen mussten, hatten wir zu Beginn der neuen Saison in der Regionalliga acht Spieler unter Vertrag. Acht Mann! Wir hatten fast nichts. Ich hatte in diesem Sommer nicht einen einzigen Tag Urlaub. Ich habe nur geackert, um eine Mannschaft auf- zubauen. Wir haben uns dann als Team aus dieser Situation heraus gekämpft, haben das Stadion voll gemacht und sind nach drei harten Jahren wieder aufgestiegen. Und dann folgte direkt der nächste Streich in der 2. Liga. Dass wir das dann gekrönt haben, mit einem Verein, der über 30 Jahre lang nicht mehr in der 2. Bundesliga war – das war eine wahnsinnige Genugtuung für all die harte Arbeit. Das Trainingsgelände wurde ausgebaut und nun auch das Stadion. Da ist wirklich etwas gewachsen. Wenn ich heute durch Münster laufe, empfangen mich die Leute mit off enen Armen. Die Wertschätzung der Menschen dort bedeutet mir sehr viel. Du bist dann im April 2025 freigestellt worden. In diese Zeit fi el auch ein schwerer familiärer Schicksalsschlag, du hast deine Mutter verloren. Wie hast du in deiner Auszeit nach dieser schmerzhaften Phase wieder neue Kraft ge- schöpft? Der Verlust meiner Mutter war ein massiver Einschnitt, das war eine unvorstellbar schwere Zeit. Ich wollte mich damals voll in die Arbeit stürzen. Nach dem Ende in Münster habe ich mir dann ganz bewusst Zeit für mich und meine Familie genommen. Meine absolute Leidenschaft zum Abschalten ist das Angeln. Ich bin viel gereist, war in Holland, in Berlin, an der Ostsee und an den Bodden. Ich habe viele Legenden aus der Angelszene kennengelernt, Leute wie Johannes Dietl oder Uli Beyer. Ich habe Bootstouren mit meinem besten Kumpel gemacht. Das hat mir richtig gutgetan. Sascha Hildmanns Weg in den Profi fußball ist kein Pro- dukt eines Nachwuchsleistungszentrums, sondern das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit an der Basis. Er star- tete seine Trainerlaufbahn als Spieler-Trainer parallel zu einem Vollzeitjob als Automobilkaufmann im familien- eigenen Betrieb und führte Teams von der Bezirks- bis in die Oberliga. Im Profi bereich prägte er Stationen wie Sonnenhof Großaspach und den 1. FC Kaiserslautern, bevor er 2019 Preußen Münster übernahm. Dort erar- beitete er sich Legendenstatus: Nach dem Abstieg in die Regionalliga führte er den Verein mit akribischer Arbeit, einem grandiosen Punkteschnitt von 2,02 und Konstanz zu einem historischen Durchmarsch zurück bis in die 2. Bundesliga. Mit über 1.637 Tagen im Amt wurde er zum amtierenden Rekordtrainer der Preußen. REKORDTRAINER & MALOCHER – DIE STATIONEN VON SASCHA HILDMANN JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026 23Wird auf so einem Angelboot dann auch mal über Fußball gesprochen oder ist das Sperrzone? (Lacht) Die Jungs in der Szene sind natürlich alle fußball- verrückt. Die wollen dann alles wissen. Aber ich genieße es einfach, in der Natur zu sein, den Fokus auf etwas völlig anderes zu legen. Zuhause bei meiner Frau klammern wir den Fußball auch so gut es geht aus. Sie ist mein größter Rückhalt, sie hält mir zu 100 Prozent den Rücken frei. Da brauche ich sie abends nicht auch noch mit Taktik zu be- quatschen (lacht). Neben dem Angeln sollst du auch ein begnadeter Koch sein. Ich koche einfach gerne. Das ist für mich eine Art Rückzugs- ort, um abzuschalten. Wenn ich den ganzen Tag hier auf dem Trainingsgelände kommuniziert und moderiert habe, dann freue ich mich darauf, abends am Herd zu stehen. Ich esse gerne gut, probiere viel aus – vor allem mit Wild, Fisch und gutem Fleisch. Ich akklimatisiere mich hier in Regens- burg gerade wunderbar, gehe auch gerne mal in der Stadt essen und lerne die Menschen hier kennen. Aber das Ko- chen ist und bleibt mein Ausgleich. Lass uns nochmal auf deine Wurzeln schauen. Du kommst aus Kaiserslautern, hast dort den Mythos Betzenberg mit- erlebt. Prägt dieses dortige Verlangen nach ehrlichem, kompromisslosem Arbeiterfußball deine heutige Arbeit? Absolut, das steckt einfach in mir. Betzenberg-Fußball heißt: Da gibt es kein ewiges Taktieren und Abwarten. Da wird ge- arbeitet, da wird nach vorne gespielt, da wird investiert. Als ich später dort Trainer war, war die Situation im Verein sehr angespannt, finanziell wie sportlich. Wenn du da durch die Stadt gelaufen bist, hat dich sogar die Müllabfuhr angehal- ten und gefragt: „Ey, warum spielt denn der nicht?” (Lacht) Die Menschen dort haben nur ihren FCK, die leben diesen Fußball mit Haut und Haaren. Das härtet dich in puncto Druckresistenz auf jeden Fall ab. Deine eigene Trainerkarriere ist untypisch für die heutige Zeit. Du kommst nicht aus dem durchstrukturierten Nach- wuchsleistungszentrum (NLZ), sondern aus dem echten Amateurfußball. Ich war als junger Spielertrainer in der Bezirksliga tätig und habe gleichzeitig voll gearbeitet. Ich bin gelernter Automo- bilkaufmann und Karosseriebauer. Ich stand morgens um halb acht im Autohaus meiner Eltern, habe den Verkauf ge- managt, bin um halb sechs raus und stand um halb sieben im Trainingsanzug auf dem Platz. Das ist ehrlicher Fußball. Da haben sich Spieler sonntags morgens für 20 Euro aus der eigenen Tasche tapen lassen, nur um nachmittags ki- cken zu können. Diesen unbändigen Willen zu spielen, die- se Leidenschaft, das prägt mich bis heute. Sind die jungen Talente, die heute aus den NLZs zu den Profis stoßen, taktisch perfektioniert, aber vielleicht we- niger robust oder instinktiv? JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026 24"Eine Baustelle wird immer sauber hinterlassen. So wie ich sie vorgefunden habe, verlasse ich sie auch wieder. Genau so muss ein Fußballer denken." Man darf den Jungs keinen Vorwurf machen. Sie wurden in vielen NLZs in den letzten Jahren oft in sehr enge taktische Schemata gepresst. Da wurde sehr viel vorgegeben. Die fragen dich als Trainer dann teilweise: „Wenn Mitspieler X den Ball hat, auf welchem Meter muss ich genau stehen?” Denen wurde dieser freie, unbekümmerte Geist teilweise abtrainiert. Wie fördert man diese Unbekümmertheit wieder zutage? Man muss sie manchmal einfach wieder kicken lassen. Wie früher auf dem Bolzplatz. Ohne Schiedsrichter, ohne feste Regeln. Sie sollen selbst Lösungen finden. Die Spieler, die sich nicht wegen jeder Kleinigkeit den Kopf zerbrechen, die einfach auf ihren Instinkt vertrauen – die sogenannten Straßenfußballer –, die setzen sich am Ende sehr oft durch. Wenn du als Spieler ständig überlegst, ob das jetzt die tak- tisch korrekte Laufbewegung war, bist du den entscheiden- den Schritt zu spät. Je höher du kommst, desto wichtiger wird neben der Technik vor allem die Spielintelligenz. Räu- me erkennen, intuitiv handeln. Daran müssen wir arbeiten und das haben viele NLZs der Profivereine auch verstanden. Sascha, zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Fünf Jahre Amtszeit in Münster – das ist im schnelllebigen moder- nen Fußballgeschäft fast eine Ewigkeit. Welches Funda- ment musst du hier in Regensburg an deinen ersten Tagen gießen, damit der Verein, die Fans und die Stadt es über- haupt so lange mit dir aushalten? (Lächelt, ohne zu zögern) Ein einziges Wort: Vertrauen.ag Foto: Köglmeier 25 JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026HELLO seitenwind liefert Kommunikation & Design, Marke & Branding und Digital Services. Mit fachlicher Expertise, langjähriger Erfahrung und ausgeprägter Intuition. Für die nächste Etappe im digitalen Zeitalter. Sponsor des SSV Jahn Regensburg seitenwind.comEure Ideen. Wir fördern sie. Gemeinsam. Startet jetzt euer Crowdfunding-Projekt auf rewag-crowd.de . 50.000 € für eure Herzens- projekte. 50 Jahre unsere Energie. Jetzt fördern wir eure.EHRLICH. ECHT. JAHN. rekordspieler bene saller 253 LIGA-SPIELE FÜR DEN SSV JAHN Alles rund um den Verein DAS IST BEIM „Ehrlich. Echt. Jahn.”: SSV Jahn zieht positive Bilanz zur Mitgliederkampagne Benedikt Saller bleibt ein weiteres Jahr beim SSV Jahn Regensburg Mit dem offi ziellen Abschluss am 12. April blickt der SSV Jahn Regensburg auf eine erfolgreiche Umsetzung der Mit- gliederkampagne „Ehrlich. Echt. Jahn.” zurück. In den ver- gangenen fünf Wochen rückte der Verein die Identität und die aktive Teilhabe seiner Mitglieder in den Fokus. Ziel war es, die Fanbasis durch authentische Erlebnisse und die Ver- mittlung zentraler Werte wie Bodenständigkeit, Glaubwür- digkeit und Ambition nachhaltig zu stärken. Den Auftakt bildete der Mitgliederspieltag am 7. März gegen den VfL Osnabrück. Mit einem vielfältigen Rahmenprogramm – von exklusiven Stadionführungen über die Teilnahme am „Jahn Talk” bis hin zu speziellen Angeboten für den Kids- und Teens-Club – wurde die Nahbarkeit des Clubs für die Mitglie- der unmittelbar erlebbar. Ein weiteres Highlight war das Preis- schafkopf-Turnier am 25. März, das den Charakter des SSV Jahn als familiäre Begegnungsstätte einmal mehr betonte. Die Kampagne verdeutlichte zudem die fundamentale Be- deutung der Mitgliedschaft: Die Beiträge fl ießen direkt in die Nachwuchsförderung der „Jahnschmiede” sowie in sozial-öko- logische Initiativen. Der SSV Jahn zieht insgesamt eine rundum positive Bilanz und durfte im Kampagnenzeitraum zahlreiche Neumitglieder in der Jahn Familie begrüßen. Der Verein be- dankt sich bei allen Anhängern für das entgegengebrachte Ver- trauen und die aktive Mitgestaltung der Vereinszukunft. ag Mit seinem Einsatz gegen Hans Rostock absolvierte Benedikt Saller sein 253. Ligaspiel für den SSV Jahn Regensburg. Damit zieht er in der Statistik der meis- ten Pfl ichtspieleinsätze seit dem Jahr 2000 (ausge- nommen Pokal- und Relegationsspiele) an Sebastian Nachreiner vorbei. Er ist damit alleiniger Jahn Re- kordspieler. Der SSV Jahn gratuliert Benedikt Saller zu diesem sportlichen Meilenstein und würdigt seine langjährige Treue zum Verein. Zudem hat sich sein Vertrag automatisch um ein weiteres Jahr bis zum 30.06.2027 verlängert. Damit geht der 33-Jährige im Sommer in seine elfte Saison für die Regensburger. 28 Foto: Köglmeier JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026Volles Haus bei gemeinsamer Veranstaltung des SSV Jahn und des Johanniter-Inklusionshotels INCLUDiO „Du bist ein Mutmacher-Mensch.” Das stand auf den Kar- ten, die auf jedem der 70 Plätze am Mittwochabend (15. April 2026; Anm. Red.) im Johanniter-Inklusionshotel IN- CLUDiO lag. Mitgebracht hatte diese Karten Marcel Frie- derich, der 2025 seine MUTMACHER-Initiative gegründet hatte. Diese stellte Friederich zunächst in einem Impuls- vortrag Mitte April vor, bevor das Thema Mutmachen in einer Diskussionsrunde von verschiedenen Seiten be- leuchtet wurde. Eingeladen hatten zu dieser Veranstaltung das Johanniter-Inklusionshotel INCLUDiO und der SSV Jahn Regensburg im Rahmen seiner Initiative „Jahn Kultur”. „Wenn Sie noch nicht so recht wissen, was an diesem Abend auf Sie zukommt, dann geht es Ihnen genauso wie mir und uns.” Damit leitete Moderator Matthias Walk, Pressespre- cher der Johanniter, den Abend im vollbesetzten Konferenz- raum des INCLUDiO ein. Das war nicht verwunderlich, denn so eine Veranstaltung hatte es bisher noch nie gegeben. Zu Gast war Marcel Friederich, der seit seiner Geburt mit dem Möbius-Syndrom lebt. Das führt dazu, dass er seine linke Ge- sichtshälfte nicht steuern kann. Dadurch kann er sein linkes Auge nicht vollständig schließen und wenn er lacht, dann lacht bei ihm nur die rechte Gesichtshälfte. In seinem Vor- trag beschreibt er seine Kindheit, in der er häufi g ein Opfer von Mobbing wurde. Und auch sein großer Traum Fußballtor- wart zu werden platzte früh, was daran liegt, dass aufgrund des Poland-Syndroms die Finger seiner linken Hand verkürzt sind. Keine idealen Voraussetzungen für einen Torwart. Friederich schildert an dem Abend, wie er trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – berufl ich als Sportjournalist im- mer weiter aufsteigt, bis er 2021 als Leiter der externen Kom- munikation zur Deutschen Fußball Liga (DFL) wechselt. Seine Behinderung versucht er bis dahin zu verstecken und nicht zu thematisieren. Erst als er 2023 einen Social-Media-Post zu dem Thema absetzt, ändert sich sein Leben. Er erfährt so un- glaublich großen Zuspruch, dass er 2025 seinen „Traum- job” kündigt, um seine MUTMACHER-Initiative zu gründen. Er schreibt u.a. ein Buch, in dem er elf Menschen portrai- tiert, die ebenfalls behindert sind oder Schicksalsschläge zu verkraften hatten, wie z.B. Theresa Enke, die Witwe des Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke, der sich aufgrund von Depressionen das Leben nahm. „Eigentlich hat wahr- scheinlich jeder sein Päckchen im Leben zu tragen”, sagt Friederich an diesem Abend im INCLUDiO zum Schluss seines Vortrags und leitet damit die Diskussionsrunde ein. In der Runde erzählt Frank Reinel, der Inklusionsbeauftrag- te der Stadt Regensburg, wie sein Kindheitstraum, Fluglot- se zu werden, daran scheiterte, dass er im Rollstuhl sitzt und wie er trotzdem Einzigartiges geschaff t hat: Er wurde der weltweit erste Fußball-Schiedsrichter im Rollstuhl, der offi zielle Verbandsspiele geleitet hat. Philipp Hausner, der Geschäftsführer des SSV Jahn, berichtet, wie es die Men- schen in seinem engen Umfeld sind, die ihm helfen, wenn er und „sein” Jahn mal wieder eine Niederlage oder einen Abstieg verkraften müssen. Jahn Profi Jakob Seibold er- zählt wie wichtig seine Eltern für ihn waren, als er bereits mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen ist, um Fußballprofi zu werden. Seibold hat vor kurzem seinen ersten Profi ver- trag beim Jahn unterschrieben – und sich gleich danach verletzt. Johanniter-Regionalvorstand Martin Steinkirchner beschreibt, wie er mit seiner Krebsdiagnose umgegangen ist und mit seiner Krankheit lebt. Und er sagt: „Hier im IN- CLUDiO sind für mich alle Mitarbeitenden ganz besondere Mutmacher-Menschen.” Was bei allen heraussticht: Es sind immer Menschen, die einen auff angen, die einem Mut ge- ben, wenn das Schicksal zuschlägt. Und genau darum geht es bei Friederichs MUTMACHER-Projekt: Anderen Menschen Mut zu geben. Sei es in der Öff entlichkeit oder im privaten Umfeld. Das ist an diesem Abend eindrucksvoll gelungen. Pressemitteilung der Johanniter Ostbayern 29 JAHNZEITAUSGABE MAI | 2026 29Next >